Modeentwicklung

In kaum einer anderen Zeit hat sich die Kleidermode so schnell gewandelt, wie in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen. Von der femininen und überladenen Mode der Belle Époque über die sportlich, androgyne Silhouette der 1920er, bis hin zur damenhaften und eleganten Mode der frühen 1930er Jahre hat die Mode zwischen 1914 und 1933 einen dramatischen Wandel um 360 Grad vollzogen.

Mode im sozialen und historischen Kontext

Dinnertoilette (links) aus Panné und Säumchenchiffon mit einer Garnierung aus Silberspitze. Daneben ein Pinzeßkleid mit Soutachestickerei — Illustrierte Frauen-Zeitung Nr. 21, 1. November 1908
Sommerkleid in der modischen Silhouette des Jahres 1913 — Elegante Welt Nr. 18, 30. April 1913. Foto: Atelier Ernst Schneider, Berlin

Wer glaubt, dass die Mode ein zu vernachlässigender Teil der geschichtlichen Entwicklung ist, verkennt die Tatsache, dass die Kleidermode ein Spiegelbild der Gesellschaft und deren Veränderungen ist. Mode ist Spiegelbild des Zeitgeistes, der gesellschaftlichen Konventionen, der Ideale einer Zeit und der sozialen Stellung einer Person innerhalb der Gesellschaft. Zudem ist Mode auch Ausdruck des persönlichen Geschmacks und ein gewolltes oder ungewolltes Statement des Trägers. Menschen zeigen überdies ihre Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe über das Tragen eines einheitlichen Kleidungsstils, egal, ob sich diese Gruppe über das Geschlecht, das Alter, die politische oder religiöse Einstellung, die ethnische Herkunft oder ähnlichem definiert. Wer nicht außerhalb einer gesellschaftlichen Gruppe stehen möchte, muss mit der Mode gehen. Somit ist das Befolgen der Mode und deren Trends in der modernen Gesellschaft ein unverzichtbares soziales Bedürfnis.

Motor des ständigen Wandels der Mode ist, neben dem Zeitgeist, auch der menschliche Wunsch nach Veränderung und der unwiderstehliche Reiz an allem Neuen. Keine Mode ist dauerhaft, nur der Wandel der Mode ist konstant. So bewahrheitet sich die Feststellung der Moderedakteurin Ola Alsens:

„Nach einer bestimmten Zeit überlebt sich jede Geschmacksrichtung. […] Alles Vielgesehene, Gewohnte langweilt und verliert das Interesse.“1

Die Zeiten in der die Kleidung als bloßer Schutz vor Wind und Wetter diente sind lange vorbei. Während im Mittelalter edles Tuch und farbige Stoffe nur den Königen, Adligen und besonders wohlhabenden Kaufleuten vorbehalten waren, ist seit der französischen Revolution 1789 und dem Aufstieg des Bürgertums im 19. Jahrhundert die Kleidung für immer breitere Schichten zu einem sichtbaren Zeichen der sozialen und wirtschaftlichen Stellung geworden. Ausschlaggebend hierfür waren die Entwicklungen der Dampfmaschine, der Spinnmaschine und des mechanischen Webstuhls Ende des 18. Jahrhunderts, die die Initialzündung zur Industriellen Revolution gaben. Gewaltige Produktionssteigerungen und eine höhere Effizienz in der Produktion führten zu drastisch fallenden Preisen für Garne und Stoffe. Die Erfindung und die rasche Verbreitung der Nähmaschine in den 1850er Jahren tat ihr übriges, um Kleidung für die breite Masse der Bevölkerung erschwinglich zu machen.

Zur selben Zeit wurden die ersten Großwarenhäuser in europäischen Metropolen gegründet. Mit dem Ziel der Umsatzsteigerung wurden neuartige Methoden und Verkaufsstrategien entwickelt, wodurch Kunden angezogen werden sollten. Kaufhäuser führten die Konfektionsmode in Standartgrößen ein, so dass die Kleidung zu günstigeren Preisen angeboten werden konnte. So wurde das Kaufen von der Stange ermöglicht, was weitaus günstiger als das Maßschneidern der Kleidung war. Um der Kundschaft immer etwas Neues zu bieten und diese in die Kaufhäuser zu locken wurde die Saisonmode eingeführt. Prächtige Warenpräsentationen in Schaufenstern und Vitrinen sollten die Kundschaft zum Kauf verführen. Somit entwickelte sich die Mode im ausgehenden 19. Jahrhundert zum Zugpferd der Industrie und der sich formenden Konsumgesellschaft.

An der Schwelle zum 20. Jahrhundert

Damenmode 1912. V.l.n.r.: Kapriziöses Frühlingskleid aus glaciertem Taffet, Teekleid mit russischer Stickerei und ein Kleid aus Cheviot mit weiß-grau gestreiftem Stoff und asymmetrischer Jacke — Elegante Welt Nr. 13, 24 & 9, 1912. Fotos: Atelier Manuel, Paris (links) und Atelier Ernst Schneider, Berlin

Um die radikalen modischen Veränderungen der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen zu verstehen, ist es unabdingbar, die Entwicklung der Mode und Gesellschaft bis 1914 genauer zu betrachten und damit im Kontext zu sehen.

Die Gesellschaft der Belle Époque

In Europa war die Zeit der Belle Époque eine sittenstrenge Ära, mit strengen moralischen Werten und festen Vorstellungen über die Rollenverteilung der Geschlechter. Durch die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts wurde die Erwerbsarbeit vom Haushalt räumlich getrennt. Der private Raum des Haushalts wurde zu einer rein weiblichen Domäne, während der öffentliche Raum zur Sphäre der männlich dominierten Erwerbsarbeit wurde. Diese geschlechtsspezifische Trennung der Räume wurde nach Erica Carter zur sozialen Norm und einer der „grundlegenden Dichotomien der bürgerlichen Moderne.“2 Während die „produktive Arbeit“ nun männlich konnotiert war, kam der Frau die „reproduktive Arbeit“ zu, die sich allein auf Kindererziehung und Haushaltsführung beschränkten sollte.

Das weibliche Dasein war zudem das der treuen und widerspruchslosen Gefährtin ihres Ehemanns, wobei ihr gerade als Ehefrau nur sehr eingeschränkte Rechte zugestanden wurden. Die Gesellschaft erwartete von ihr, sich in die ihr zugedachte Rolle der Ehefrau und Mutter einzufügen. Eine abweichende Lebensführung außerhalb dieses Rollenverständnisses war nur schwer möglich. Aber schon seit der Mitte des 19. Jahrhunderts und verstärkt seit der Jahrhundertwende hatten Reformerinnen begonnen sich in politischen Vereinigungen in den USA und Europa zu organisieren, um ihr Recht auf mehr Unabhängigkeit vom Mann, bessere Bildungsmöglichkeiten und politische Mitbestimmung einzufordern. So durften Frauen erst ab 1895 im Deutschen Kaiserreich das Abitur ablegen und ab 1908 studieren.3

Paris das Zentrum der Mode

Werbeanzeige des Pariser Modehauses Christof Drecoll an der Rue de la Paix — Les Modes Nr. 76, April 1907
Anzeigen der Pariser Couturiers Agnès, Albert und Redfern — Les Modes Nr. 98, Februar 1909

Das unbestrittene Zentrum der Modewelt um 1900 war die französische Metropole Paris, die zu dieser Zeit eine der größten Städte der Welt und zudem den kulturellen Mittelpunkt Europas darstellte. Diesen Status als unumschränkte Modemetropole hatte Paris seit den Zeiten von König Ludwig XIV. inne, dessen Stil und Repräsentation zum Vorbild aller europäischen Höfe wurde. Trotz der Revolution 1789 konnte Paris diese Stellung im 19. Jahrhundert behaupten und sogar ausbauen.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten sich einige wenige tonangebende Modehäuser etabliert. Callot Soeurs, Doucet, Christof Drécoll, Charles Frederick Worth und Jeanne Paquin waren die bedeutendsten unter ihnen4, deren neueste Kreationen weniger auf Modenschauen, sondern vor allem auf den großen Pferderennen im Pariser Umland, wie beispielsweise den Pferderennbahnen von Longchamp oder Auteuil, von betuchten Damen der Gesellschaft zur Schau gestellt wurden. Die sonntäglichen Pferderennen waren das gesellschaftliche Ereignis zu denen zehntausende Franzosen aus allen Gesellschaftsschichten strömten und neben den Rennen gleichzeitig die neueste Mode der gehobenen Pariser Gesellschaft zu Gesicht bekamen. Die Konfektionsabteilungen der Warenhäuser sandten ihre Schneider zu den Pferderennen, um die dort gesehenen Kleider schnellstmöglich nachzuschneidern, um so ihren Kundinnen die neuste Mode ohne große zeitliche Verzögerung anbieten zu können. Für gewöhnlich konnten die kopierten Modelle bereits am nächsten Tag käuflich erworben werden.

Was Paris für die elegante Dame bedeutete, war London für den vornehmen und weltmännischen Herrn. Aus der Hauptstadt des weltumspannenden britischen Kolonialreichs kamen die neuen Herrenmoden, die in aller Welt als Standard für den gut gekleideten Herrn galten. Vor allem rund um die Londoner Bond Street gruppierten sich die angesehensten Herrenausstatter des Empire. Aber auch in Großbritannien gab es einflussreiche Damenmodehäuser. John Redfern gründete 1881 ein Modehaus, das Zweigstellen in Paris und New York unterhielt.5 Die Pferderennen galten hier, genauso wie in Frankreich, als gesellschaftliche Höhepunkte auf denen die neuesten Moden lanciert wurden. Vor allem die namhafte königliche Pferderennbahn von Ascot war Treffpunkt der britischen High Society.

Das Warenhaus revolutioniert den Einzelhandel

Warenhäuser wie Hermann Tietz in Berlin betrieben zusätzlich einen Versandhandel über den neben Konfektionsmode auch andere Waren vertrieben wurden — Warenhauskatalog Hermann Tietz, Frühjahr 1906
Brustrüschen aus dreilagiger Spitze zum Ausstaffieren und Erweitern der weiblichen Brust, die unter dem Kleid getragen wurden — Sears, Roebuck & Co. Katalog 1913
Überzeichnete Darstellung von Korsetts der Marke Magda, wleche exklusiv beim Pariser Warenhaus Bon Marché verkauf wurden — Femina Nr. 233, 1910. Illustration: Ehrmann

Unter den Pariser Warenhäusern war das Bon Marché das erfolgreichste seiner Zeit. Gegründet 1838 revolutionierte der Unternehmer Aristide Boucicaut ab 1852 die Welt des Einzelhandels.6 Sein Kaufhaus vereinte unter einem Dach erstmals ein riesiges Warensortiment, das durch den Kauf großer Warenmengen und Dank eines hohen Warenumschlags alle Produkte zu erschwinglichen Preisen anbieten konnte. Boucicaut stellte die auch die gängige Preispolitik auf den Kopf. Statt die Waren zu möglichst hohen Preisen zu verkaufen, bot er alles zu möglichst niedrigen Preisen an, um durch den gesteigerten Absatz und trotz niedrigerer Marge einen höheren Gewinn zu erzielen. Vollkommen neu waren die Leistungen die das Bon Marché seinen Kunden anbot, wie z.B. die Möglichkeit des Warenumtauschs bzw. die Warenrückgabe mit Gelderstattung, das Bestellen per Katalog oder die kostenlose Lieferung der Ware nach Haus. Die Kundinnen konnten die Ware, anders als es zuvor üblich, in die Hand nehmen und sich von der Qualität selbst überzeugen. Nebenbei entwickelte er auch gänzlich neue Methoden der Vermarktung, um das Interesse der Kundschaft aufrecht zu erhalten und neue Kunden anzuziehen.

In den folgenden Jahrzehnten wurde das Bon Marché zum Vorbild für weitere Warenhäuser in Paris wie z.B. Au Printemps, La Samaritaine und die Galerie Lafayette. Auch in anderen Ländern fand das Prinzip schnell Nachahmer. Großwarenhäuser wie Whiteleys, Selfridges und Harrods in Großbritannien, Wertheim, Karstadt, Hermann Tietz und das Kaufhaus des Westens (KaDeWe) im Deutschen Reich oder Macy’s und Woolworth in den USA entstanden nach dem französischem Vorbild oder interpretierten es auf ihre Weise. Bis zum Ende des Jahrhunderts waren so in vielen europäischen Großstädten wahre Kathedralen des Konsums entstanden, die hinter ihren historisierenden Fassaden moderne Stahlskelett-Konstruktionen mit prunkvollen Interieurs beherbergten und so den Akt des Kaufens zu einem neuen und besonderen Erlebnis machten.

Vor allem für bürgerliche Frauen entstanden hier die ersten Räume, die sie aus dem bis dahin rein häuslichen Dasein befreiten und ihnen durch die Verlockungen des Konsums erstmals öffentlichen Raum boten. Das Warenhaus avancierte so zum „Paradies der Damen“7, dass das vermeintlich schwache Geschlecht auch zum Laster verführte. So wurde das Phänomen der Kleptomanie von der noch jungen Psychiatrie zu einem nahezu ausschließlich weiblichen Krankheitsbild erklärt.8

Die Entstehung des Versandhausgeschäfts in den USA

Frontseite eines 149-seitigen New Yorker Versandhauskatalogs von 1909 — National Cloak & Suit Co. Katalog 1909-10. Illustration: Howard Chandler Christy
Zwei Titelblätter der deutschen Zeitschrift Elegante Welt, die ab 1912 wöchentlich im Verlag Dr. Eysler & Co. GmbH erschien — Elegante Welt Nr. 46, 1913 und Oster-Heft Nr. 14, 1914. Illustrationen: unbekannt

Die Vereinigten Staaten von Amerika erlebten nach dem Bürgerkrieg (1861-1865) und der darauf folgenden Reconstruction ein Zeitalter ungeahnten wirtschaftlichen Aufschwungs, das nur kurzzeitig durch den Börsenkrach von 1873 unterbrochen wurde. Später wurde die Zeit von 1875 bis 1914 als das Gilded Age (dt.: „Vergoldetes Zeitalter“) bezeichnet. Während Industrie und Handel boomten und sich hauptsächlich in den Ballungszentren an der Ostküste entwickelten, war der Großteil des Landes noch immer überwiegend landwirtschaftlich geprägt und schwach bevölkert.

Weit abgelegen von größeren Ansiedlungen waren viele Farmer auf das begrenzte Warenangebot der lokalen Einzelhändler angewiesen, die ihre monopolartige Stellung durch hohe Preise ausnutzten. Mit der Idee ohne einen Zwischenhändler Waren direkt an die Landbevölkerung über Katalog zu vertreiben, gründete Aron Montgomery Ward 1872 in Chicago das erste Versandhaus der USA. Der erste Katalog bestand lediglich aus einer einzelnen Seite. Doch der Erfolg war so gewaltig, dass der Umfang des Katalogs innerhalb weniger Jahre bis 1883 auf 240 Seiten mit 10.000 Artikeln anschwoll. Obwohl Montgomery Ward überwiegend Kleidung und Textilien über den Katalog vertrieb, erstreckte sich das Warenangebot auch auf Artikel des täglichen Bedarfs, Hausrat, Möbel, Werkzeug, Farmausstattung und landwirtschaftliche Maschinen.

In den späten 1880er Jahren entstanden weitere reine Versandhäuser wie die National Cloak and Suit Co. (1888), Bellas Hess and Co. (1888), Chicago Mail Order Co. (1889) und Philipsborn’s (1890). Zudem begannen auch viele kleinere lokale Warenhäuser wie in Europa in den Versandhandel einzusteigen, um ihre Absatzmöglichkeiten zu erweitern. Doch der größte Konkurrent für Montgomery Ward wurde von Richard Warren Sears etabliert. Ab 1886 begann Richard Sears einen florierenden Uhrenversand aufzubauen. Seinen ersten Katalog brachte Sears 1888 heraus. Mit dem Einstieg des Teilhabers Alvah Roebuck wurde die Firma 1893 auf den Namen Sears, Roebuck and Co. umfirmiert, das Warensortiment des Versandhauses wurde Jahr für Jahr rasant erweitert. Bis zur Jahrhundertwende wurde aus Sears schließlich das größte Versandhaus der USA mit Millionen von Kunden und einem Katalog, der ein ganzes Kaufhaus auf über 1.000 Katalogseiten vereinte.9 Bis zum Ersten Weltkrieg hatte sich eine Vielzahl kleinerer und größerer Versandhäuser etabliert, durch deren Kataloge die ganze Familie bequem von zu Hause aus günstig eingekleidet werden konnte. Der Versandhandel war zu einer festen Institution in der amerikanischen Gesellschaft und zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor der USA geworden.

Bürgerliche Moral und Kosmetik

Werbeanzeigen für Düfte der Pariser Parfümeure V. Rigaud, L. Plassard und L.T. Piver, die kostbare Flakons oder Jugendstil-Ornamente zeigen — Kollage aus Femina Nr. 232, 233 & 235, 1910. Illustrationen: unbekannt
Das Ideal der Frau der Belle Époque: feine engelshafte Gesichtszüge, langes wallendes Haar und natürliche Schönheit, die nur von edlem Schmuck geziert wird — Kollage aus Elegante Welt Nr. 42 & 46, 1913. Fotos: Neame (Mitte), Técla-Salon, Berlin

Natürliche Schönheit war das Ideal des 19. Jahrhunderts und frühen 20. Jahrhunderts. Die Verwendung von farbiger Kosmetik zum Schminken des Gesichts war verpönt und erschien anrüchig. Diese allgemeine Ablehnung gegenüber dekorativer Kosmetik bildete sich nach Annelie Ramsbrock mit dem langsam entstehenden Bürgertum des ausgehenden 18. Jahrhunderts, das sich den Werten der Aufklärung verpflichtet fühlte.10 Natürlichkeit wurde mit Aufrichtigkeit und Vertrauenswürdigkeit in Verbindung gebracht, zur Tugend erhoben und darüber hinaus auch mit Vorstellungen von Gesundheit und Reinheit zusammengeführt. Im Gegensatz dazu standen die geschminkten adeligen Damen der höfischen Aristokratie für Intrigen und Heuchelei, die ihre Gesichter mit Schminke wie hinter einer Maske verbargen. Das Bürgertum des 19. Jahrhunderts verstand sich somit auch als ein Gegenentwurf zu der als lasterhaft empfundenen höfischen Gesellschaft des absolutistischen Ancien Régime.11

Neben der Moral stellte die Bildung eine weitere Tugend des Bürgertums dar. Eine gebildete Frau – womit allerdings keineswegs eine naturwissenschaftliche oder gar politische Bildung gemeint war – sollte sich nach gängiger Auffassung nicht der oberflächlichen Verschönerung, sondern der inneren Kultivierung und Reife widmen. Je mehr sich ein Frauenzimmer der äußerlichen Eitelkeit hingab, desto mehr wolle sie von ihrem unzulänglichen Wesen und beschränkten Geist ablenken, so die landläufige Meinung. Das Schminken erfuhr zudem auch religiöse Kritik, da es das Werk Gottes korrigiere und folglich kritisiere sowie der Sünde Vorschub leiste.12 Folglich wurde „natürlich erscheinenden Frauen […] ein moralisch einwandfreies Wesen nachgesagt, während man eine künstlich wirkende Erscheinung […] als Ausdruck von Frevelhaftigkeit ansah.“13 So dürfte es nicht verwundern, dass Schminke oft mit Lasterhaftigkeit, Dirnen und Prostitution assoziiert wurde und bestenfalls bei Theaterschauspielerinnen toleriert wurde.

Die im Laufe des 19. Jahrhunderts in einer Vielzahl erschienenden Schönheitsratgeber propagierten dieses natürliche Schönheitsideal und kritisierten das Schminken, obwohl sie zugleich Anleitungen zur häuslichen Herstellung von Kosmetik und ihrer Verwendung weitergaben. Zu den moralisch religiösen Bedenken gesellten sich auch gesundheitliche Vorbehalte. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts waren zur Herstellung von Kosmetika toxische Stoffe wie Bleiweiß, Quecksilber und Zinnober im Gebrauch.14 Mit der zunehmenden Verwissenschaftlichung der Chemie und Pharmazie konnten jedoch alternative Inhaltsstoffe und Farben künstlich hergestellt werden. 1879 brachte der ehemalige Sänger Ludwig Leichner Bühnenschminke auf den Markt, die frei von Bleifarben war, und in der Folge international vertrieben wurde.15 Auch der französischstämmige Parfumeur Èugene Rimmel begann in London zur selben Zeit mit dem Vertrieb von gesundheitlich unbedenklichem Mascara.16

Die Mode der Belle Époque bis 1914

Titelseite der französischen Zeitschrift Les Modes mit Jugendstil Ornament und einer Hutkreation von Suzanne Talbot getragen von Mlle. Jeanne Saulier — Les Modes Nr. 88, April 1908. Foto: Paul Boyer
Zwei jeweils zweiteilige Straßenkostüme aus blauem Panama und duklerem Satin sowie aus einem leichten gestreiftem Sommerstoff nach Wahl und Nähten aus Pongee (Seide) — The Delineator, März 1909

Die Damenmode der Jahrhundertwende war geprägt von bodenlangen, aber hochgeschlossenen Kleidern, deren überreiche und pompöse Aufmachungen und mehrlagigen Unterkleider und Unterröcke die Bewegung der Trägerin maßgeblich einschränkten und beeinflussten. Noch mehr als die Kleider formte das Korsett die gewünschte enge Taille und die gerade Haltung der Dame. Ab 1895 kam die S-Kurve oder auch Sanduhr Silhouette in Mode. Während der Unterleib durch das Sans-Ventre-Korsett (frz.: „ohne Bauch“) nach hinten gedrückt und weggeschnürt wurde, wurde die Brust zwangsweise nach vorne gepresst. Der tiefe Ausschnitt des Korsetts und die fehlende Formgebung und Modellierung der Brüste, führte zum sogenannten Monobosom-Effekt (engl.: etwa „eine Brust“). Das Zeigen von Bein und Haut war für anständige Frauen - genauso wie für Männer - undenkbar. Vor allem die Bademode war von verhüllender Prüderie gekennzeichnet. Das Sonnenbaden und die damit verbundene Bräune waren verpönt, galt die Bräune doch als Zeichen der unteren Schichten, deren Haut bei der Arbeit der Sonne ausgesetzt war.

In den USA orientierte sich das Ideal der Frau an der Schwelle zum 20. Jahrhundert am Gibson Girl - benannt nach dem Illustrator Charles Dana Gibson. Dieses Idealbild der jungen Frau zeichnete sich durch eine hoch gewachsene, sportlich schlanke Figur, eine weibliche Brust und Hüfte und einer schmalen Taille aus. Genau wie in Europa war eine ausufernde Haarpracht das Symbol schlechthin für weibliche Schönheit und wurde als Krönung der Weiblichkeit angesehen. Die Frisuren wurden oft mit Schmuck, Federn und Kämmen geschmückt und bereichert. Echthaarteile und auch diskret eingearbeitete Polster verliehen der Frisur noch zusätzliches Volumen.17 Frauen die sich diesem Ideal widersetzten und ihre Haare kurz trugen wurden als gesellschaftliche Außenseiterinnen angesehen.

Reformmode, Humpelrock und Orientwelle

Unter dem Kleid wurde eine leichte Bluse - oftmals aus Spitze - mit Stehkragen getragen. Feine Handschuhe, kleine Handbeutelchen mit Quaste und kleine Hüte mit graziösen Federn oder anderem Besatz waren modisch — The Delineator, November 1914
Das Tunikakleid bestimmte die Mode 1914. Man trug über dem engen Humpelrock einen weiter ausgestellten Überrock - der Beginn der Kriegskrinoline. Die Taille wurde durch Raffungen oder Wickeleffekte betont — The Delineator, November 1914

Mit der Reformmode, die den Frauen mehr Bewegungsfreiheit einräumen sollte und vor allem gegen das Modediktat der S-Kurve gerichtet war, wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von Frauenrechtlerinnen der erste Versuch unternommen die Mode zu vereinfachen. Allerdings wurden diese schmucklosen und im Schnitt sehr plumpen Kleider von den Damen der Gesellschaft abgelehnt und höchstens belächelt. Nur in intellektuellen Kreisen konnten sich diese Kleider durchsetzten. Erst ab 1908 begann sich eine neue Modelinie zu etablieren, die auf die ungesunde S-Kurve verzichtete und diese in den folgenden Jahren völlig aus der Mode verdrängte. Das Korsett selbst wurde in dieser Zeit aus Spitze, Brokat, Coutil (robuster Baumwollstoff) und Walbarten gefertigt. Die Walbarten, die auch unter der Bezeichnung Fischbein bekannt waren, wurden allerdings zunehmend von spiralförmigen, flachen Stahldrähten ersetzt. Das Korsett an sich blieb bis zum Ersten Weltkrieg und auch weit darüber hinaus ein unverzichtbarer Bestandteil der Damengarderobe.

In den Jahren nach dem Verschwinden der S-Kurve wurden die Röcke immer enger. Die Mode orientierte sich an der schlanken Empiremode - oder auch Directoire-Stil - des frühen 19. Jahrhunderts mit sehr hoher Taillierung. Ab 1910 erschienen dann so enge Röcke, die beim Gehen derart einschränkten, so dass die Trägerin nur noch zu kurzen Trippelschritten in der Lage war. Dieser sogenannte Humpelrock blieb fester Bestandteil der Mode bis 1914. Allerdings besaßen viele dieser Röcke Schlitze oder versteckte Gehfalten, die das Gehen erleichterten. Nebenbei wurden die Rocksäume erstmals kürzer; die geschlitzten Röcke offenbarten hier und da sogar die Knöchel. Ende 1913 tauchten die ersten Krinolinen in Form von „Cerclettereifen“18 auf, kleine zarte Überröckchen, die sich in den folgenden Jahren bis zur Kriegskrinoline weiter entwickeln sollten. Paul Poiret war der maßgebliche Schöpfer dieser neuen Silhouette und vor dem Ersten Weltkrieg einer der einflussreichsten Modeschöpfer seiner Zeit.19 Seine exotisch, orientalisch angehauchten Kreationen mit Humpelrock und Krinoline bestimmen die Mode des Frühjahres 1914 – dem Vorabend des Ersten Weltkriegs.


Fußnoten

1 Alsen, Ola, Das Kennzeichen des neuesten abendlichen Modestils ist Weiblichkeit, in: Elegante Welt Nr. 21 (18), 14. Oktober 1929, S. 30-31, 58, hier S. 30.

2 Carter, Erica, Frauen und Öffentlichkeit des Konsums, in: Heinz-Gerhard Haupt, Claudius Torp (Hg.), Die Konsumgesellschaft in Deutschland. Ein Handbuch, Frankfurt/Main 2009, S. 154-171, hier S. 154.

3 Vgl. Ebda., S. 157-158.

4 Vgl. Worsley, Harriet, Fashion. 100 Jahre Mode, Königswinter 2004, S. 10.

5 Kurzabriss über John Redferns Leben und Wirken: http://headtotoefashionart.com/john-redfern-1853-1929/ [letzter Zugriff: 21. September 2014].

6 Hochinteressant ist in diesem Zusammenhang die ARTE Dokumentation von Sally Aitken und Christine Le Goff aus dem Jahr 2011: „Wünsche werden wahr — Die Entstehung des Kaufhauses“. Abrufbar unter folgendem Link: http://www.youtube.com/watch?v=EPvf_bIMEjQ&list=PL11AA0E937E529244 [letzter Zugriff: 21. September 2014].

7 Der französische Autor Émile Zola beschrieb in seinem Roman „Au Bonheur des Dames“ die sozialen und gesellschaftlichen Veränderungen, die die Warenhäuser im Paris des zweiten Kaiserreichs in Gang setzten. Für seinen Roman hatte Zola zuvor im Bon Marché recherchiert. Zola, Émile, Au Bonheur des Dames, Paris 1884.

8 Vgl. Carter, Frauen, S. 159-160, wie Anm. 2.

9 Vgl. Sorensen, Lorin, Sears, Roebuck and Co., 100th Anniversary 1886-1986, St. Helena (Kalifornien) 1985, S. 6-10.

10 Vgl. Ramsbrock, Annelie, Korrigierte Körper. Eine Geschichte künstlicher Schönheit in der Moderne, Göttingen 2011, S. 85-90.

11 Vgl. Ebda., S. 89.

12 Vgl. Ebda., S. 32-40.

13 Ebda., S. 88-89.

14 Vgl. Ebda., S. 63.

15 Vgl. Lohse-Jasper, Renate, Die Farben der Schönheit. Eine Kulturgeschichte der Schminkkunst, Hildesheim 2000, S. 91-93.

16 Vgl. Jones, Geoffrey, Beauty Imagined. A History of the Global Beauty Industry, Oxford 2010, S. 18-19.

17 Vgl. Worsley, Fashion, 2004, S. 41, wie Anm. 4; Kniebiehler, Yvonne, Leib und Seele, in: Geneviève Fraisse, Michelle Perrot (Hg.), Geschichte der Frauen (Bd. 4), 19. Jahrhundert, Frankfurt/Main 1994, S. 373-416, hier S. 375.

18 Marion, Die Krinoline ist wieder da!, in: Elegante Welt Nr.49 (2), 1913, S. 17-18.

19 Vgl. Worsley, Fashion, 2004, S. 11, wie Anm. 4.