Mode 1932

Einfaches Tagesendkleid aus schwarzem Crêpe Bamboula vorgeführt von Grit Lagerquist. Stoffblenden ergeben den Capekragen — Elegante Welt Nr. 19, September 1932. Foto: Binder
Nachmittagskleider. Hohe, enge Taillen und besondere Ärmelbetonung sind aktuell Modenschau Heft Nr. 235, Juli 1932, S. 28a
Verschwenderische Pelzbesätze an Kragen und Ärmeln sind nur noch für wenige bezahlbar Chicago Mail Order Co. Herbst/Winter 1932, S. 19
Legere Pyjamamode für den Strand und ein 2-teiliger Luftbadeanzug oben links Modenschau Heft Nr. 235, Juli 1932, S. 24b
Werbung für Präparate von Seventeen. Farbfotografie — Ladies Home Journal Juni 1932
Abend- und Ballkleider für große Gesellschaften aus rotem Marocain, rosa Georgette, hellbraunem Spitzenstoff und hellgrünem Crêpe Satin — Die Schöne Wienerin Nr. 236, August 1932
V.l.n.r.: Smoking, Frack und ein eleganter, dunkler Anzug. Zeichnung: Harald Schwerdtfeger Hänsel-Echo Heft Nr. 12, 0 1932, S. 12

Mit dem Erreichen des Höhepunktes der Weltwirtschaftskrise 1932 treten modische Fragen zwar in den Hintergrund, jedoch kommt die modische Entwicklung nicht zum Halt. Hohe Arbeitslosigkeit in Europa und Nordamerika und sinkende Einkommen zwingen eher zum Nachdenken über existenzielle Fragen als den neusten Pariser Schick.

Trotz einer starken Deflation und den somit drastisch fallenden Preisen können es sich nur wenige leisten für die neue Saison Neuanschaffungen zu tätigen. Hohe Arbeitslosigkeit - allein im Deutschen Reich sind 1932 fast 6 Millionen ohne Arbeit - und sinkende Löhne zwingen zum Umnähen und ausbessern der alten Kleidungsstücke.

Auch in den USA erreicht die Arbeitslosigkeit mit 12 Millionen Arbeitslosen ihren Höhepunkt. So stellt das amerikanische Versandhaus Sears in seinem Herbst/Winter Katalog 1932/33 fest:

„These are not ordinary times. […] Of greatest importance today are the costs of the necessities of life. We have realized that. […] We realize the struggle that is taking place everywhere to make ends meet.“

„Das sind keine gewöhnlichen Zeiten. […] Von größter Wichtigkeit sind heute die Kosten für die Notwendigkeiten des Lebens. Dies haben wir verstanden. […] Wir nehmen den Kampf wahr der überall statt findet, um über die Runden zu kommen.“

Hollywood gewinnt zunehmend Einfluss

Abwechslung zum schwierigen Alltag bietet die Traumfabrik Hollywood, die mit ihren Filmen Glanz und Glamour in die sorgenvolle Depressionszeit bringt. Stars wie Marlene Dietrich, Greta Garbo oder Joan Crawford verkörpern das Ideal der Zeit. Filmschauspielerinnen werden deshalb auch gerne als schöne Aushängeschilder für Werbeanzeigen in Modemagazinen und Zeitschriften auserwählt, um für Schönheits-Präparate und Make-up zu werben. Auch Versandhauskataloge werben nun verstärkt mit Hollywood-Stars um die weibliche Kundschaft. So wirb z. B. das Chicago Mail Order Versandhaus im Herbst Winter Katalog 1932/33 mit Stars wie Lila Lee, Claudia Dell und Sidney Fox.

Pyjamamode als Freizeitschick

Der legere Strandpyjama des letzten Jahres erfreut sich in diesem Jahr immer noch größter Beliebtheit. Nicht nur für den Strand oder die Promenade oder den Kurort ist er beliebt, manchmal erblickt man diesen leichten Dress auch in der Stadt, da nicht zuletzt die luftig weiten Seglerhosen und die kurzärmelige Bluse der Trägerin eine gewisse Unbeschwertheit und Leichtigkeit verschaffen. Sommerliche Kleider sind aus Wolljersey, Marocain, Romain, Wollspitzen, Gitter- und Pikeestoffen gefertigt.

Bademode 1932

Die Bademode 1932 zeichnet sich durch flotte, lebendige Farben und moderne abstrakte Muster aus. Badeanzüge für Frauen sind einteilig, wobei diese Anzüge aus einem kurzen Höschen und einem hautengen Trikot mit großzügigen Ausschnitten für Arme und Hals bestehen. Der Rückenausschnitt ist meist so tief, so dass sich der Reichskommissar des preußischen Innenministers Dr. Bracht auf Druck konservativer Gruppen veranlasst sieht im August den sogenannten Zwickelerlass zu verfügen, welcher auch für Männerbadeanzüge gilt. Der Zwickelerlass verbietet den Damen Ausschnitte an Bauch und Taille und verlangt, dass der Rückenausschnitt nicht über das Ende der Schulterblätter hinauszugehen hat.

Badeanzüge für Männer sind den Badeanzügen für Frauen sehr ähnlich, wobei bereits Badehosen für Männer populär sind, nun allerdings nicht mehr für jeden Badeort zugelassen sind.

Lange Röcke und gepuffte Ärmel

Die Rocksäume erreichen in diesem Jahr ihren niedrigsten Stand; sie enden bei Tageskleidern knapp unterhalb der Wade, während die Säume für formelle Nachmittags– und Teekleider fast knöchellang sind. Abendkleider sind bodenlang. Hoch und eng ist die Taille, wodurch der Oberkörper kurz und schmal erscheint. So liegt es nahe dem Oberkörper eine besondere Ärmelbetonung und eine breite Schulter zu geben. Bereits im Vorjahr haben viele Designer Mantelärmel mit Pelzgarnierungen oder Kleiderärmel mit Aufschlägen versehen. In diesem Jahr wenden sich viele Modedesigner mit größter Hingabe dem Thema Ärmel zu. Hoch oder eher niedrig angesetzte Puffärmel jeglicher Couleur mit oder ohne Manschetten, Gummizüge zum hohen Aufbauschen der Ärmel, mittelalterlich wirkende Keulenärmel, die am Unterarm hauteng werden, überlappende Garniturteile am Schulter/Ärmelübergang oder angeschnittene Patten zeugen von kreativer Phantasie und handwerklichem Können.

Durchgesetzt haben sich inzwischen die kleinen Velours– und Filzhüte, welche sehr tief in die eine Seite des Gesichts gezogen getragen werden. Besonders beliebt sind in diesem Jahr kleine Schleifen als Garnierung für den Hut.

Bedeckter Rücken bei Abendkleidern

Die größte Veränderung in der Abendmode für die Dame in diesem Jahr erfasst das Ladies Home Journal in seiner April Ausgabe im Artikel „Backs are covered these spring Evenings“ (dt.: „Rücken werden in diesen Frühjahrsabenden bedeckt“). Die zurückhaltende Bedecktheit geht auch in der eleganten Abendtoilette mit einer besonderen Schulterbetonung der Kleider einher. Obwohl die meisten Abendkleider ausschließlich ärmellos sind, werden manche Kleider mit kurzen Puffärmeln oder mit weiten Capeärmeln bereichert. Boleros oder kurze Jäckchen übernehmen Puffärmel stellvertretend für ärmellose Abendkleider. Pumps mit sehr hohem spitzen Absatz sind fester Bestandteil der eleganten Abendgarderobe.

Abendmode für den Herrn

Für den eleganten Herrn ist der Frack manchmal sogar noch mit dem dazugehörigen Zylinder für den Abend „fast unerlässlich und der Smoking nur immer ein Behelf“ stellt das Firmenmagazin Hänsel-Echo in seiner Frühjahr und Sommerausgabe 1932 fest. „Der Smoking hat die Form des einreihigen Sakkos. Er schließt auf einen Knopf, dieser steht in normaler Taillenhöhe und wird richtig durchgeknöpft.“

Die Mode für den Herrn hat sich in den vergangen Jahren scheinbar kaum geändert. Die Änderungen lassen sich eher im Detail wahrnehmen: Reversbreite und –ansatz, mit oder ohne zusätzlichem blindem Knopfloch, Ärmelansatz, Taschen und die Art des Schnittes weisen von Saison zu Saison leichte Änderungen auf. Das Hänsel-Echo fasst die allgemeine Modelinie für den Mann so zusammen: „hohe Brust, kräftige Schultern, schlanke Taille und schlanke Hüfte.“

Moderne Sakkoanzüge für den Tag

Der moderne einreihige Sakkoanzug zeigt „eine leichte Stofffülle. Die Schultern sind gerade, am Ärmelansatz abgerundet und durch eine leichte Watteauflage an der Achselspitze unterstützt. Die Armlochnaht läuft gerade, die Taille wird durch einen Brustausnäher betont. Die Klappen sind an der äußeren Kante und im Klappenbruch gerade, etwas schmäler und rollen kurz um.“

„Der doppelreihige Sakko hat die gleiche Linienführung wie der einreihige. […] Der Doppelreiher wird auf zwei Knöpfen geschlossen, ein dritter Knopf ist blind. Der oberste Schließknopf steht genau in der normalen Taillenlinie.“ Dazu werden einreihige Westen getragen. Jugendliche, schlanke Figuren können auch zweireihige Westen tragen. Die Hosen sind lang geschnitten „und an den Schenkeln nicht übertrieben weit“.

In den Vereinigten Staaten kommen Anzüge für junge Männer im College-Alter mit kantigen Schulter/Ärmelübergängen und Hosen mit über 22 Inch weit aufgehenden Hosenbeinen und sehr breitem Gürtelband in Mode. Die betont breiten Schultern und die schlanke, enge Taille geben den College-Anzügen ihre charakteristische Linie.


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