Mode 1925

Flotter, maskuliner Anzug bestehend aus Rock, Weste und Jacke — Modenschau Nr. 149, Mai 1925. Foto: Joel Feder
Kleider in „charmanter Einfachheit und geradlinigen Effekten“ Charles William Stores Inc. Herbst/Winter 1925, S. 57
Kürzere Röcke und hellere Farben: Seidenstrümpfe mit Ziernähten werden in immer mehr Farbnuancen (Tabelle) angeboten — M.W. Savage Katalog 1925
Hüte mit kurzen, gerollten Krempen, geschmückt mit Straußenfedern und anderen dekorativen Ornamenten Chicago Mail Order Co. Herbst/Winter 1925, S. 84
Ärmellose Sommerkleider und Kleider für den Kurort aus Voile, Crêpe-Satin, Crêpe de Chine und Moiréseide Modenschau Heft Nr. 149, Mai 1925, S. 12-10e
Wintermäntel mit Pelzbesatz. Zwei der Mäntel zeigen die neue glockige Weite, die im Herbst modern wird Charles William Stores Inc. Herbst/Winter 1925, S. 5
Ein Complet (Ensemble) für die Stadt bestehend aus ziegelroter Weste, Rock und Paletot. Daneben ein Complet aus Teekleid und Paletot aus marineblauem und hochrotem Crêpe de Chine — Modenschau Heft Nr. 153, September 1925
Kniekurze, ärmellose Abendkleider mit Falten werfenden Röcken. Rechts ein Plisseerock Modenschau Heft Nr. 154, Oktober 1925, S. 22b
Herrenanzüge aus Wollstoffen im neuen modernen weiten Schnitt. Ein so genannter „Jazz Suit“ unten links Charles William Stores Inc. Herbst/Winter 1925, S. 254

Betont maskulin gibt sich die Damenmode des Jahres 1925. Nur allzu gern bedient sich die Dame an der Garderobe des Herrn. Krawatte, Melone, Anzughemd, Herrenpaletot oder Trenchcoat sind beliebte Kleidungsstücke mit denen gerne provoziert und Aufmerksamkeit erregt wird. Die besonders mutigen Damen tragen sogar Hosenanzug oder für den Abend auch Smokingkostüm. Auch sonst lässt die Mode durch die gerade, formlose Silhouette und das kurz geschnittene, zum Bubikopf oder Eton-Schnitt frisierte Haar keinen Zweifel an der Vorliebe für androgyne Linien. Die Mode à la Garçonne (engl. „Flapper“), die auch schlicht Garçonnestil genannt wird, ist 1925 auf dem Höhepunkt der Popularität angelangt.

Besonders deutlich wird die Bevorzugung der Herrenfasson auch beim Schneiderkostüm, das, wenn es zumeist am Vormittag in der Stadt getragen wird, auch gerne als Laufkostüm bezeichnet wird. Ärmelaufschläge, doppelreihige oder einreihige Knopfleisten mit Lederknöpfen sowie Schnitt und Linie der Kostümjacke erinnern stark an ihr männliches Pendant, das Sakko.

Die gewollte Provokation verfehlt nicht ihre Wirkung. Unter dem Titel „Nun aber genug!“ erscheint in der Berliner Illustrierten Zeitung vom 29. März ein Kommentar der Entrüstung:

„Was zuerst wie ein launisches Spiel der Frauenmode war, wird allmählich zur peinlichen Verirrung. Zuerst wirkte es wie ein anmutiger Scherz, daß zarte, zierliche Frauen sich das lange Frauenhaar abschnitten und mit Pagenfrisur erschienen […], daß sie die Röcke kürzten und die schlanken Beine bis zur stärksten Rundung der Waden sehen ließen […] immer bestimmter legte die Mode es darauf an, das weibliche Äußere zu vermännlichen […] Es ist hohe Zeit, daß sich der gesunde männliche Geschmack gegen solche üblen Moden wendet.“

Auch in den USA erregt die vermeintliche Vermännlichung der Damenmode die Gemüter. Allerdings werden die maskuline Mode und die sich verwischenden Rollenbilder hier auch zum Stoff für satirische Songs. Der Titel Masculine Women, Feminine Men wird von vielen Jazz-Bands und Orchestern des Jahrzehnts interpretiert und in den folgenden Jahren sehr populär.

Ausstellung gibt Art Déco seinen Namen

Erst die zwischen April und Oktober 1925 in Paris statt findende Ausstellung, die Exposition internationale des Arts Décoratifs et industriels modernes, gibt dem Kunstgewerbe und Industriedesign nach dem Ersten Weltkrieg einen eigenen Namen. Obwohl der Stil des Art Déco vorrangig in der Architektur, der Innenausstattung und Kunst seinen Ausdruck findet, bleibt auch die Mode nicht völlig unberührt von der neuen Kunstströmung. So finden in den folgenden Jahren kubistische und abstrakte Stoffdesigns zunehmend Verbreitung und Zustimmung in der Modeindustrie und bei den Couturiers.

Weiter aber kurzer Rock im Frühjahr

Die Pariser Haute Couture präsentiert in diesem Jahr kürzere Röcke als je zuvor. Ausgehend vom wadenlangen Rock zu Anfang des Jahres, klettert der Rocksaum bis zum Frühjahr bis knapp über die Wade - und endet am Ende des Jahres zwischen Wade und Knie. Die luftige Frühjahrsmode wird begleitet von kurzen, manchmal nur angedeuteten Ärmeln. Stoffe wie leichte Seiden, Kashas, Seidenrips, Alpaka und Crêpe-Satin geben den Ton an.

Im Gegensatz zur schlanken, röhrenartigen Kleiderlinie des letzten Jahres setzen sich in diesem Frühjahr sehr viel weitere, glockig gearbeitete Rockformen durch. Tief eingelegte oder versteckte Gehfalten, eingearbeitete Godets, Faltenteile, leichte Plisseestoffe und Plisseeeinsätze erweitern den Rock und geben der Trägerin mehr Bewegungsfreiheit. Allerdings erweitert sich der Rock bei vielen Kleidern auf Oberschenkel- oder sogar erst auf Kniehöhe, so dass die gerade Linie erst durch den weiten Rocksaum unterbrochen wird. Auch Volants werden effektvoll zur Erweiterung des Rockes eingesetzt.

Während der Rocksaum der Kleider an Weite zulegt, bleibt die Form der Mäntel unangetastet schmal. Erst im Laufe des Jahres übernimmt der Mantelsaum die Weite der Kleider. Glockige Seitenteile und Einsätze geben den Herbstmänteln eine völlig neue Linie, die durch die Verwendung von schmaler Pelzverbrämung rund um den Saum zusätzlich hervorgehoben wird. Sogar Pelzmäntel für den Winter und Pelzbesetzte Abendmäntel machen die neue Weite mit.

Taille rückt wieder höher

Mantelkleider mit Knopfleiste und einteilige Kleider, die weiterhin die sehr gerade Linie propagieren, sind immer noch modern. Viele einfache Tageskleider deuten die Taille nur an und verzichten zudem auf einen Gürtel. Oftmals trennt erst der Rockansatz augenscheinlich das Oberteil des Kleides vom Rock. Manchmal wird die Gürtellinie auch nur durch Taschen, Knöpfe oder durch Stickereien angedeutet und liegt auf der Hüfte.

Dagegen zeigen sich auch erste Tendenzen, die Gürtellinie, z.B. durch neue Linienführungen, wieder zu erhöhen. Einige Modehäuser wie Paquin, Vionnet, Martial & Armand sowie Patou zeigen einige Frühjahrs-Modelle mit leicht höherer Taillierung. Ein Teil dieser Kleider zeigt die neue Prinzessform, die sich im Zusammenspiel mit dem weiteren Rock durch eine verkürzte (enger geschnittene) Taille auszeichnet. Diese neue, leicht geschweifte Linie gibt dem Kleid wieder eine weibliche Kontur. Als Alternative zur sonst so männlichen und sportlichen Kleiderlinie ist dieser Mode ein gewisser Erfolg beschieden, der in den nächsten Jahren zunehmen wird.

Complets sind große Mode

Besondere Bedeutung erlangt in diesem Frühjahr das zwei- oder dreiteilige Complet, das entweder aus Bluse, Rock und einem dazu passenden Mantel oder einem gut abgestimmten Kleid und Mantel besteht und die Bedeutung des Kostüms in den Hintergrund drängt. Zu einem gut ausgewählten Mantel können mehrere Kleider für verschiedene Tageszeiten und Anlässe kombiniert werden. Solch ein Mantel kann mit einem schlichten Laufkleid am Vormittag getragen werden, während am Nachmittag ein elegantes Gesellschaftskleid für den 5-Uhr-Tee oder sogar ein Tanzkleid in Frage kommen kann. Eine etwas legerere Variante stellt das Sportcomplet dar, das praktischerweise mit Kleid und Pullover getragen wird.

Wichtig beim Complet ist, dass Mantel und Kleid in irgendeinem Detail übereinstimmen. Dies kann z.B. erreicht werden, indem eine Farbe des Mantels auf allen Kleidern und wahlweise anderen Accessoires sich wieder findet. Allerdings ist „ein Zuviel an Übereinstimmung […] unelegant. Gerade irgendein kühn abstechendes Detail kann dem Anzug eine schicke Note geben“, rät die Zeitschrift Die Dame in ihrer ersten Aprilausgabe. Wirkungsvolle Stoffzusammenstellungen für Mantel und Kleid sind Wolle und Seide, Kasha und Kreppseide, Rips und Failleseide, Ottoman und heller Krepp, wobei das Mantelfutter immer aus dem Kleidstoff besteht. Das Complet mit seinen schier unerschöpflichen Kombinationsmöglichkeiten trägt einer Zeit Rechnung, die von Schnelllebigkeit und dem Wunsch nach unkomplizierter Bequemlichkeit geprägt ist.

Tanztee und Charleston Fieber

Unter den Tänzen des Vorjahres ist der wilde Charleston aus den USA immer noch unangefochten an der Spitze. Zum Tanztee trägt man deshalb gerne ein leichtes Gesellschaftskleid oder Tanzkleid, das natürlich aus leichten, luftigen Stoffen wie Georgette, Seide oder Chiffon ist und in gern in der Modefarbe Lila gehalten sein kann.

Die Abendmode präsentiert sich prachtvoll und in leuchtenden Farben. Die Tanzkleider, Ballkleider und großen Abendtoiletten zeigen Blütentuffs an der Schulter und allerlei schimmernde Stickereien. Kleine Taschen aus Gold- und Silberleder, Federfächer mit blitzenden Steinen, Diademe sowie Schmuck und Schuhe aus Brokat oder Lamé mit Straßbesatz, der sogar am Absatz zu finden ist, wetteifern beim Funkeln.

Männermode zeigt neue Linien

Traditionell unterliegt die Herrenmode viel langsameren Veränderungen als die Damenmode. Seit dem Ersten Weltkrieg hat sich an der allgemeinen Mode für den Herrn kaum etwas geändert. Erst in diesem Jahr bahnt sich eine neue Linie in der Herrenmode an, die den engen und sehr knappen Schnitt von Sakko und Anzughose ablöst.

Ähnlich der Damenmode verschwindet 1925 auch in der Herrenmode die sehr hohe, enge Taille des Sakkos zugunsten einer niedrigeren und dezenteren Taillierung in Höhe der natürlichen Taille. Breite Schultern werden hervorgehoben und der Übergang zum Ärmel fällt sanft und abgerundet aus. Insgesamt fällt der Schnitt großzügiger aus. Das Revers wird breiter und setzt nun erkennbar tiefer an, wodurch es länger wird. Ganz dem Geschmack des Herrn ist dagegen überlassen, ob das Sakko lieber mit auf- oder abfallend gearbeiteten Revers sein soll. Ebenso obliegt die Frage nach dem einreihigen oder doppelreihigen Sakko der Vorliebe des Trägers.

Passend zum Sakko erhält auch die Anzughose, die mit Bügelfalte und kurzen Aufschlägen getragen wird, eine ganz neue Form. Die vorher nur knöchellangen Hosenbeine werden nun länger geschnitten, so dass die Knöchel vollständig bedeckt sind. Aber vor allem die Weite der Hosenbeine ist neu, die einen Umfang von bis zu 20 Inch (ca. 50 cm) um das Knie erreichen können. Populär gemacht wurden diese weiten Hosen von Studenten aus Oxford, da das Tragen von Knickerbockerhosen an britischen Universitäten untersagt worden ist und die Studenten dazu übergegangen sind weite Hosen über ihren Knickerbockern zu tragen. Daher die Namensherkunft Oxford Bags unter dem diese Hosen auch in Amerika bekannt sind.

Der elegante Herr trägt Stresemann

Für besondere formelle Anlässe am Vormittag und Nachmittag ist der Cutaway, oder kurz Cut, für den gut gekleideten Herrn obligatorisch. Auch das politische Protokoll der Zeit sieht den Cut für Reichstagssitzungen oder Staatsakte vor, der allerdings für die normale Regierungs- oder Büroarbeit zu festlich und unzweckmäßig ist. Um das ständige Wechseln der Kleidung zwischen Reichstag und Büro zu vereinfachen, trägt der deutsche Außenminister Gustav Stresemann statt dem Cut einfach ein schwarzes, einreihiges Sakko zur schwarz-grau gestreiften Hose und schwarzen Weste. Zu diesem Anzug, der fortan als Stresemann bekannt ist, werden generell ein weißes Hemd mit Stehkragen oder Umlegekragen, eine schwarze Krawatte oder ein Plastron (breite Seidenkrawatte) sowie schwarze Schuhe getragen.


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